LEICHTATHLETIK: Die Northoffs vom TuS Jöllenbeck trainieren viel und haben noch mehr Spaß dabei 

Pia, Tilman, Katja und TimoBielefeld. Bei der Frage wird es still am Wohnzimmertisch der Familie Northoff. "Wenn ihr an Kraft denkt, was fällt euch dazu ein?" Timo (15) und Pia (12), die beiden Geschwister, schauen sich kurz an, denken nach, sagen nichts, werfen aber einen verstohlenen Blick zu ihrem Vater Tilman rüber. Der ermuntert sie: "Antwortet ruhig." Erst dann sagen die beiden schüchtern: "Na, Papa eben."

Papa Tilman ist im positiven Sinne schuld daran, dass seine Kinder nicht nur zu ihm aufschauen - der Hüne ist beinahe zwei Meter groß und wiegt 130 Kilogramm -, sondern auch liebend gerne Zeit mit ihm verbringen, wenn der passionierte Kugelstoßer seinem Sport nachgeht. Fünf- bis sechsmal die Woche streift er sich seine Trainingsklamotten über und stählt seinen Körper. Krafteinheiten, Sprünge, Sprints, Technik - es findet sich immer etwas. Und sonntags nach der Kirche geht es noch in eine Muckibude in Enger.

"Ich kann nicht ohne, bei mir müssen es immer 120 Prozent sein", gesteht der 45 Jahre alte Werkstoffprüfer. Beim TuS Jöllenbeck hat Tilman Northoff, der in Enger-Pödinghausen wohnt, seit einigen Jahren seine sportliche Heimat gefunden. "Der TuS unterstützt mich vorbildlich", dankt er. Im Naturstadion haben die Jöllenbecker eigens einen neuen Kugelstoßring gebaut und im Schützenheim einen Raum angemietet, damit die Northoffs optimal trainieren können.

Der amtierende Deutsche Meister der Senioren (Saisonbestweite: 16,72 m) hat seine Kinder infiziert. "Papa, wir kommen mit", heißt es fast jeden Nachmittag, wenn Tilman Northoff seine Tasche packt. Wie engagiert Timo und Pia sind, zeigt auch die Tatsache, dass die zwei über den Pressetermin gar nicht glücklich waren, weil "an dem Nachmittag Training ist und das nun ausfallen muss". Noch toller wurde es, als Timo meinte: "Papa, von meinem Firmungsgeld könnten wir im Garten doch eine Tartanbahn bauen und dann dort trainieren."

Früher, als Timo und Pia noch kleiner waren, spielten die Kids im Sand der Weitsprunggrube und bauten fleißig Burgen, mittlerweile arbeiten sie das Trainingsprogramm ihres Vaters ab. "Es ist schön, etwas mit Papa zu machen", bestätigt Timo. Über das bloße Gemeinsam-miteinander-Zeit-verbringen sind die Northoffs allerdings schon lange hinaus. Pia und Timo haben durch ihr regelmäßiges Training mittlerweile ein bemerkenswertes Leistungsniveau erreicht. Timo, aktuell Westfälischer Jugendmeister, stieß am 22. Februar dieses Jahres die 4-Kilo-Kugel auf fabelhafte 17,01 Meter. Damit belegt er in der deutschen U-16-Jahresbestenliste Platz 2. Für den Nicht-Leichtathleten heißt dies: in der gesamten Bundesrepublik gibt es mit Jonas Tesch aus Leipzig nur einen Besseren.

Pia rundet die familiäre Erfolgsbilanz ab. Bei den OWL- Hallenmeisterschaften in Paderborn Anfang Februar gewann sie in der W13 im Hochsprung (1,45 m), Weitsprung (4,74) und über die 60 m Hürden (10,48). Auf irgendetwas festlegen möchte sie sich allerdings noch nicht. "Mir macht alles Spaß", sagt die Zwölfjährige. Und der Papa bestätigt, dass "Pia eigentlich die geborene Siebenkämpferin wäre". Tilman Northoff ist wichtig, dass "man bei den Kindern die Lust und die Freude an der Leichtathletik weckt". Sobald die Übungseinheiten unter Druck oder Zwang liefen, erreiche man nichts. Timo jedenfalls möchte "das Beste aus sich herausholen", ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie weit es gehen kann: "Ich kann einen 19-Meter-Stoß mit einer 7-kg-Kugel einfach nicht einschätzen."

Bei Pia ist es so ähnlich: "Ich möchte möglichst schnell laufen sowie möglichst hoch und weit springen." Für ihr Hobby verzichten die Northoffs auf so manches und nehmen einen straffen Zeitplan in Kauf - angefangen bei der Ernährung bis hin zu Schularbeiten am Wochenende oder in den späteren Abendstunden. Aber in Stress artet das noch nicht aus, wie die Beteiligten versichern. "Wenn wir nach Bielefeld in die Seidensticker Halle fahren, dann geht schon viel Zeit verloren, aber ansonsten ist das alles okay", sagt Timo Northoff.

Der vermehrte sportliche Aufwand führt jedoch keineswegs dazu, dass die beiden Schüler des Engeraner Widukind-Gymnasiums schlechtere Noten mit nach Hause bringen. Ganz im Gegenteil: Pia avancierte im vergangenen Dezember zur besten Vorleserin ihrer Schule. Timo wurde als einziger seines Jahrgangs zum zweiten Mal zu einer Mathematik-Akademie für Besondersbegabte eingeladen. Dort ging es thematisch darum, den "optimalen Punkt" zu finden. Das ist beim Kugelstoßen auch nicht so ganz unwichtig.

Mama Katja, die sich sportlich mit Jogging und Pilates vergnügt, optimiert das Northoff-Quartett in punkto Fahrdienst und medizinische Versorgung. Die hauptberufliche Heilpraktikerin kümmert sich um sämtliche Zipperlein ihrer Sportler, die zurzeit hautsächlich bei Ehemann Tilman anfallen. Anfang März betreute sie ausnahmsweise mal Sohn Timo bei den Wettkämpfen in Paderborn, weil Vater Tilman zur DM in Erfurt weilte. "Mit Mama haben wir ein Rundum-sorglos-Paket", sagt Pia. 

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01 - Bielefeld West, Samstag 21. März 2015 

von Mathias Foede